Neues vom Europäischen Haus der Erzählkunst (in Gründung):
Die „Karlsruher Meister-Leistung“


War Kaspar Hauser der am 29. September 1812 im Karlsruher Schloss geborene Zähringer-Prinz von Baden oder war er es nicht? Seit fast 200 Jahren wird nunmehr über die sogenannte „Erbprinzentheorie” gestritten - ohne abschließendes Ergebnis. Wer im Internet bei Google das Stichwort „Kaspar Hauser” eingibt, erhält Hinweise auf 90.000 Seiten (Stand 17.8.08). Diese Menge überrascht. „Der schönste Krimi aller Zeiten” (Golo Mann) hat auch nach fast 2 Jahrhunderten große Virulenz - und sie nimmt immer mehr zu!

An Karlsruhe geht die „ganze Aufregung” allerdings mehr oder weniger vorbei. Das nährt bei der „Erbprinzenfraktion” den Verdacht, dass Kaspar Hauser in der Fächerstadt weitgehend verdrängt wird. Das ist natürlich eine kühne These, die nach Erklärung verlangt. Inzwischen ist es schon Allgemeinwissen, dass man Verdrängtes grundsätzlich auf Dauer nicht ruhigstellen kann und dass die verdrängten Inhalte an irgend einer Stelle wieder hervorbrechen - und zwar dort wo man sie überhaupt nicht gebrauchen kann. Das scheint auch bei Kaspar Hauser in Karlsruhe der Fall zu sein.

Der zeigt sich nämlich symbolisch an höchst prominenter Stelle - bei unserem Karlsruher Sport-Club, dem KSC! Schauen wir uns das einmal etwas näher an, immer von der Annahme ausgehend, dass an der Erbprinzentheorie „was dran” ist:

* So versteckt sich im Namenskürzel KSC die „Hauser-Familie”: das K steht für den Vater, Großherzog Karl, das S für seine Frau, die Großherzogin Stephanie und das  „hohe C” für den Caspar (der uns mal mit C, mal mit K geschrieben begegnet).

* Der KSC ist am 16. Oktober 1952 durch eine Fusion der Vereine VFB Mühlburg und FC Phönix Karlsruhe entstanden. Mit dem FC Phönix verschwand bei der Fusion einer der 8 Gründungsvereine des Süddeutschen Fußball-Verbandes und der Deutsche Meister von 1909 „von der Bildfläche”.

An einem 16. Oktober (es war das Jahr 1812) wurde Kaspar Hauser gegen ein sterbendes Kind ausgetauscht und verschwand ebenfalls (wenn auch nur vorläufig) „von der Bildfläche”.

* Was ist nun die Symbolik des aus der ägyptischen Mythologie stammenden Vogels Phönix? Er verbrennt und lebt wieder auf - er ist der sprichwörtliche Phönix aus der Asche! Steht hinter dem Kürzel KSC ein Phönix aus der Asche? Und gilt diese Symbolik nicht nur für den KSC sondern auch für Kaspar Hauser?

* Am 26. Mai 2000 gab man in Karlsruhe „keinen Pfifferling” mehr auf den KSC. An diesem Tag wurde er von seinen Fans im Wildpark symbolisch zu Grabe getragen und verabschiedete sich mit einem 1:1 gegen die Stuttgarter Kickers in die Regionalliga.

* Am 26. Mai 1828 gaben die Bewacher von Kaspar Hauser, die ihn mehrere Jahre lang in einem Verlies versteckt hielten, „keinen Pfifferling? mehr auf ihren Gefangenen und ließen ihn auf dem Unschlittplatz in Nürnberg frei.  

Genau 1 Jahr nach dem tiefen Fall in die Regionalliga, am 26. Mai 2001, war der KSC „wieder da”: mit dem Heimspiel gegen Carl Zeiss Jena hatte man sich aus wieder aus der Regionalliga verabschiedet und spielte fortan wieder in der 2. Bundesliga. Inzwischen ist der KSC in der 1. Bundesliga angekommen. Phönix aus der Asche...

Und der Kaspar Hauser? Müsste der nicht nach der „Spiegel”-Theorie auch ein „Phönix aus der Asche” sein und irgendwo in Karlsruhe frei herumlaufen? Es gibt tatsächlich Leute, die das für möglich halten, es sind nicht die dümmsten! auch wenn diese These wissenschaftlich nicht zu beweisen ist.

Fahren wir aber fort mit dem „Karlsruher Zeichen-Unterricht”:

* Da Kaspar Hauser in Karlsruhe weitgehend kein Thema ist, gab es auch keinen Aufschrei, als vor einigen Wochen dem KSC die Spielvereinigung Ansbach als Gegner in der 1. DFB-Pokalrunde zugelost wurde. In Ansbach wurde am 17. Dezember 1833 Kaspar Hauser ermordet!

Interessant in diesem Zusammenhang, dass der Hauptsponsor der Spielvereinigung Ansbach die Firma Tucher Bräu aus Nürnberg ist. Das Königreich Bayern verkaufte 1855 das Königliche Bräuhaus an die Dr.-Lorenz-Tucher-Stiftung. Die „Tucher” benannten das Bräuhaus in „Freiherrlich von Tucher'sche Brauerei” um und prägten das Markenzeichen fortan durch den Mohrenkopf, den sie als Zeichen guter Handelsbeziehungen zum „Mohrenland” in ihr Familienwappen aufgenommen hatte. Aus dem „Mohrenland” kommt der Weihnachts-Geschichte nach einer der Drei Könige, die das Kind von Bethlehem an seiner Krippe besuchen: Caspar!

Während seiner Zeit in Nürnberg hat Kaspar Hauser auch einen „Tucher” als Vormund: Christoph Carl Gottlieb Sigmund Freiherr von Tucher. War also am 10. August 2008 beim Pokalspiel in Ansbach zu befürchten, dass sch die KSC-Spieler durch die Ansbacher Tucher-Trikots ständig „bevormundet” sehen mussten? Und zwar unbewusst, was viel schwerer wiegt als die offene Provokation?

Nach der Theorie, dass Verdrängtes viel Unheil anrichtet, wenn es nicht aufgearbeitet wird, hatte der KSC in Ansbach denkbar schlechte Karten. Der Karlsruher Geschichtenerzähler stellt sogar die kühne These auf, dass der berühmte Psychologe C.G. Jung darauf gewettet hätte, dass der KSC gegen die Spielvereinigung Ansbach verliert und sensationell aus dem Pokalrennen ausscheidet.

Nun, wir wissen, dass es anders kam. Der KSC ließ im Pigrol-Stadion in Ansbach von Anfang an nichts anbrennen und fuhr mit einem nie gefährdeten Sieg wieder nach Hause. Sieg und Triumph also auch für all jene, die schon immer der Meinung waren, dass die Beschäftigung mit Symbolen „psychologische Spinnerei” sei?

Weit gefehlt. Die „Karlsruher Symboliker” dürfen sich bestätigt fühlen.

Der KSC hatte in Ansbach allerdings nicht Glück, er hatte Schwein.

Schweinfurt nämlich!

Zur Erklärung: eigentlicher match-winner ist aus Sicht der „Karlsruher Symboliker” Ede Becker, der KSC-Trainer. Der fuhr am 30. Juli nach Ansbach, um die Spielvereinigung im Spiel gegen die Mannschaft aus dem unterfränkischen Schweinfurt persönlich in Augenschein zu nehmen. Eigentlich war ein Sieg beim viertklassigen Bayernligisten Ansbach reine Formsache und auch ein Video hätte über die Spielstärke der Ansbacher Auskunft gegeben oder der Besuch eines Assistenten. Becker ist aber selbst nach Ansbach gefahren: er hat den Gegner ernst genommen und er hat genau hingeschaut. So gewinnt man nicht nur Fußball-Spiele. Mit dieser Haltung nimmt man auch Verdrängtem die zerstörerische Kraft und es wird unwirksam!

Dem Karlsruher Geschichtenerzähler ist nicht bekannt, ob Ede Becker um die Geschichte von Kaspar Hauser weiß und ob er sich inhaltlich mit der zerstörerischen Wirkung von Verdrängungsprozessen auseinandersetzt. Es ist aber auch unwichtig. Entscheidend ist die Tat und ihr vorausgehend die innere Haltung und Bereitschaft zu einer nichts ausgrenzenden Wahrnehmung.
 
Der KSC hat in Ansbach nicht Glück gehabt. Er hat Schwein gehabt.

Schweinfurt. Noch genauer: Schweinfurt 05. So heißt jener traditionsreiche Verein nämlich richtig, der am 30. Juli bei der Spielvereinigung Ansbach mit 4:0 unter die Räder kam, wie KSC-Trainer Becker bei seinem Stadionbesuch genau studieren konnte.

„Schwein bringt Glück und 0:5 ist ein schönes Ergebnis?

hat sich Ede Becker wohl gedacht und seine Taktik für das Pokalspiel festgelegt.

Das Spiel Ansbach-Karlsruhe ging 0:5 aus!

 

Herzlichen Glückwünsch, lieber Ede Becker,

das war wirklich eine „Karlsruher Meister-Leistung!”

 

Manfred Bögle

Europäisches Haus der Erzählkunst (in Gründung)

wirkstatt - Forum für Erlebenskunst

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manfred.boegle@wirkstatt.com

 

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