Badische System-Theorie

Liebe Freundin, lieber Freund der Erzählkunst

am 5. Dezember ging die Karlsruher Bücherschau 2010 zu Ende. 64.000 Besucher – so viele wie nie zuvor – fanden den Weg in die Ausstellungsräume des Regierungspräsidiums am Rondellplatz. Publikumsrenner waren vor allem die Veranstaltungen zum Gastland Schweiz und zum Schwerpunktthema „Liebe, Lust und Leidenschaft“.

Vermutlich machte gerade das unbewusste Zusammenspiel dieser beiden Themen den Erfolg der diesjährigen Bücherschau aus. Und wer daran zweifelt, dass „Schweiz“ und „Liebe, Lust und Leidenschaft“ innigst miteinander verbunden sind, dem hält der Karlsruher Geschichtenerzähler eine aktuelle Studie der amerikanischen Bradley University entgegen, die vor allem den Schweizer Frauen besondere Liebesfähigkeit bescheinigt.

* Die Wissenschaftler befragten 15.234 Personen aus 48 Nationen, ob und wie intensiv sie Liebesgefühle wahrnehmen. Das Ergebnis ihrer Forschung: Frauen empfinden im Durchschnitt mehr Liebe als Männer.

"Das hätte man auch ohne diesen Aufwand wissen können", meint der Karlsruher Geschichtenerzähler und denkt dabei an seine eigene tägliche Erfahrung mit den Töchtern der Badenia. Richtig aufregend wird die Studie der Bradley University aber bei der Frage, wo denn die Liebeskluft zwischen Männern und Frauen am größten ist. Ergebnis:Die größte Kluft zwischen den Geschlechtern besteht in der Schweiz!

Weil die Schweiz ein kluftenreiches Land ist? „Geben Sie sich nicht mit ober-flächlichen Symboldeutungen zufrieden“, meint der Erzähler, „der vorliegende Fall ist weitaus vielschichtiger!" Zunächst sieht es ja so aus, als ob die Liebeskluft zwischen Schweizer Frauen und Männern eine schlechte Geschichte für die Schweizer Männer darstellt. Das ist aber überhaupt nicht der Fall, stellt der Erzähler fest, nachdem er die Situation einmal unvoreingenommen mit dem „Kaspar-Hauser-Blick“ - einer von ihm entwickelten systemisch-symbolischen Sichtweise – durchleuchtet hat. Dabei stieß er auf eine alte Volksweisheit:

Liebe kann Berge versetzen!“.

Berge versetzen! Liebe Leserin, lieber Leser dieser Zeilen: spüren Sie nicht auch sofort die Gefahr, in der sich die Schweiz durch ihre liebenden Frauen befindet? Da muss nur etwas außer Kontrolle geraten und schon verliert das Land seine landschaftsprägenden und identitätsstiftenden Berge!

* In dieser Situation machen die Schweizer Männer unbewusst das genau Richtige: Sie lieben WENIGER als die Schweizer Frauen und gleichen somit das System aus! Was also zunächst wie eine schlechte Geschichte für die Schweizer Männer aussieht, ist eine gute, ja eine verrückt gute Geschichte sogar! Die Schweizer Männer sind die eigentlichen Helden der Geschichte – zumindest dieser!

Nun ist zwar vorläufig noch nichts schiefgegangen, aber so richtig zufrieden ist der Karlsruher Geschichtenerzähler mit der durch Gewichtsverlagerung ausgeglichenen Situation nicht. Wäre es nicht schön, fragt er sich, wenn es überhaupt kein Gefälle in den Liebesbeziehungen mehr gäbe und sich die Schweizer Frauen und Männer auf gleichem Niveau, auf gleicher Augenhöhe, lieben könnten?

Sein Lösungsvorschlag: Frauen und Männer bauen eine gute Resonanz zueinander auf und "schaukeln" ein bisschen miteinander: erst lieben die Frauen etwas weniger, daraufhin die Männer etwas mehr – das geht dann mit ganz viel „Liebe, Lust und Leidenschaft“ so weiter, bis beide den Gleichstand erreicht haben.

* Nun ist die „Normalverteilung“ der Liebe auf mittlerem Niveau aber auch noch nicht das, was sich der Karlsruher Geschichtenerzähler als Ideal vorstellt – damit wäre ja auch den Schweizer Frauen die Fähigkeit der besonderen Liebesempfindung genommen. Deshalb hofft der Erzähler auf einen „Mitnahme-Effekt“: Die Schweizer Männer werden durch die stete Erhöhung ihrer Liebesbefähigung und die damit verbundene emotionale Bestätigung durch die Schweizer Frauen so positiv gestimmt, dass sie die einmal eingeleitete Entwicklung gar nicht mehr stoppen wollen. Die Schweizer Frauen sind nun klug genug, ihren systemisch geschulten Kopf auszuschalten und nur ihrem Herzen zu folgen - zusammen mit ihren Männern hinauf in die Höhen des Liebesglücks. Und schon sind sie wieder dort, wo sie ganz am Anfang der Geschichte schon einmal waren: auf „Platz 1“ der Untersuchungsstatistik der Bradley University nämlich. Diesmal aber vereint mit den Schweizer Männern!

„Um Himmels Willen!“ hört der Karlsruher Geschichtenerzähler sofort Jene rufen, die schon immer vor den Gefahren der Liebe gewarnt haben, „jetzt ist die Schweizer Bergwelt ja DOPPELT bedroht – von Frauen UND Männern, die mit ihrer Liebe Berge versetzen können!“

Das stimmt. Aber auch in dieser Situation ist der Erzähler nicht um eine systemorientierte Problemlösung verlegen: jetzt müssen halt ALLE Nachbarn der Schweiz EBENFALLS auf dem hohen Niveau der Schweizer Frauen und Männer lieben – dann gleicht sich das System auch zwischen den Völkern aus
und ganz zwangsläufig erleben wir hier in ganz Europa eine völlig neue Liebeskultur! Und in den Geschichtsbüchern wird stehen, dass das alles einmal in der Schweiz begonnen hat…..

* Nun muss der Karlsruher Geschichtenerzähler aber einräumen, dass er da einen kühnen Plan verfolgt. Und möglicherweise wird in der Anfangsphase des Projekts noch die eine oder andere Panne passieren. So könnte es durchaus sein, dass z.B. der Karlsruher Oberbürgermeister Heinz Fenrich unter den Bergen von Arbeit auf seinem Schreibtisch plötzlich das Matterhorn entdeckt.

Jetzt bitte keine Panik, lieber Herr Oberbürgermeister! Versuchen Sie keinesfalls, diesen Berg abzutragen, Sie haben wirklich Anderes zu tun! Bleiben Sie ruhig und rufen Sie den Karlsruher Geschichtenerzähler in der Steinstraße 23 an, das ist jetzt genau die richtige Adresse.

Denn dass das Schweizer Matterhorn gerade in Baden auftaucht, hält der Erzähler für ein Geschenk des Himmels. Himmelsgeschenke behält man aber nicht für sich, sondern man gibt sie weiter, damit alle davon Gewinn haben!

* ;Keine andere Stadt hat nach Meinung des Karlsruher Geschichtenerzählers in diesen Tagen ein Himmelsgeschenk mehr verdient, als das sympathisch-badische Hornberg. Die kleine Schwarzwaldstadt im Gutachtal/Ortenaukreis, weithin bekannt durch das „Hornberger Schießen“, hat eine lange und reiche Geschichte. Die Herrschaft "Hornberg" wurde im Jahr 1111 erstmals urkundlich erwähnt; die Stadt kann also im kommenden Jahr ein großes 900-Jahr-Fest feiern! Da wird es dem rührigen Bürgermeister Siegfried Scheffold gerade zupass kommen, dass die Stadt endlich einen Hornberg erhält. Man mag es ja kaum glauben, aber es ist wahr: die Stadt hat jede Menge Berge um sich herum aber keinen Hornberg! Als Ausgleich für die lange Wartezeit erscheint jetzt, pünktlich zur 900 Jahr-Feier, ein Matterhornberg ins Gutachtal. Mit ihm wird es zwar ein bißchen eng im Gutachtal aber hier in Baden ist man das Zusammenrücken gewohnt, wenn es erforderlich ist.

*Obwohl die Schweizer jetzt das Matterhorn endlich einmal aus weiter Ferne betrachten können und sie ihr Fernweh mit einer Reise in die badische Ortenau stillen können ohne dabei auf Heimatgefühle verzichten zu müssen, wird man in der Schweizerischen Eidgenossenschaft irgendwann doch Heimweh nach dem geliebten Berg bekommen und das Matterhorn zurück haben wollen. Für die freundliche aber bestimmt formulierte Depesche an den Hornberger Rathaus-Chef wird die Schweizer Außenministerin Micheline Calmy-Rey schon die richtigen Worte finden.

passt gut zu hornberg
"Paßt gut..." "... nach Hornberg"

 

Am Ende des Jubiläumsjahres 2011 sollte der Hornberger Bürgermeister diesem Wunsch aus Bern auch nachkommen, hat er dann doch beste Aussichten, irgendwann auch einmal aus Dankbarkeit für die freiwillige Rückgabe des Matterhorns im Austausch das Weißhorn, das Finsteraarhorn oder das Zinalrothorn als Schweizer „Liebesgabe“ zu erhalten – alles gestandene 4000er, die Hornberg alle Ehre machen und dem jährlich auf der Freiluftbühne stattfindenden
Hornberger Schießen eine großartige Echo-Kulisse bieten würden. Die Stadt käme nicht mehr aus dem Schlagzeilen heraus und es gäbe künftig auf der Freiluftbühne neben dem „Hornberger Schießen“ auch das „Hornberger Treffen“ - nämlich jenes der Geschichtenerzähler aus dem Europäischen Haus der Erzählkunst der wirkstatt Karlsruhe, die nur zu gerne ihren Wahlspruch in eine Hornbeger Felswand gemeißelt sehen würden:

„Erst story. Dann Geschichte!“ 

Aus systemisch-symbolischer Sicht ist die Rückversetzung des Matterhorns an seinen angestammten Platz in den Walliser Alpen kein Problem. Wir haben es ja hier und heute gelernt: Liebe kann Berge versetzen. Jetzt wären also die Schwarzwälder an der Reihe mit ihrem Lieben…..

* Der Karlsruher Geschichtenerzähler ist über den glücklichen Ausgang der von ihm angezettelten Matterhorn-Geschichte sehr erleichtert, ja, es fällt ihm geradewegs „ein großer Stein“ vom Herzen.  Denn beinahe wäre doch noch was schief gegangen. Der Erzähler hat nämlich vor lauter Begeisterung über den phantastischen Gedanken an ein neu aufgestelltes Europa völlig vergessen, dass auch die Italiener beim Matterhorn (Monte Cervino) ein Wörtchen mitzusprechen haben: ihnen gehört nämlich die Südwand!

Mit dem plötzlichen Verschwinden des Matterhorns und damit auch seiner Südwand war plötzlich der schönste Wand-Schmuck Italiens weg! Und damit ein wichtiges Stück Lebensqualität der Italiener, die - ganz ihrem Temperament entsprechend -doch immer wieder einmal gerne die „glatte Wand“ hochgehen! Man stelle sich einmal die italienische Regierung ohne diese Möglichkeit vor! Nicht auszudenken...

* „Alles nicht so einfach“, bringt es der Karlsruhr Geschichtenerzähler auf den Punkt, „vor allem das mit der Liebe!" Doch für alle, die& sich nach mehr Sicherheit in Liebesdingen sehnen, hat er dann schließlich doch noch eine "handfeste" Empfehlung:

„Achte gut auf das was Du liebst und umarme es fest und innig
- so oft Du kannst. In dieser Zeit läuft es Dir garantiert nicht davon!"

Mit herzlichen Grüßen, wie immer auch zwischen den Zeilen

Manfred Bögle
Europäisches Haus der Erzählkunst
Wirkstatt – Forum für Erlebenskunst

manfred.boegle@wirkstatt.com