Am 1. Adventssonntag bot sich den Besucherinnen und Besuchern des Karlsruher Weihnachtsmarktes auf dem Marktplatz ein ungewöhnliches Bild:
15 Clowns der „Karl Wilhelm Schule für Clowns und Narren im Großformat“ versuchten dem Karlsruher Weihnachtsbaum Luft zu verschaffen und an seinem Fuß Geschenke abzulegen (weiter)
Kein leichtes Unterfangen, da ein Durchkommen zum Baum praktisch unmöglich war. Die Clownschule wäre aber nicht aus Karlsruhe und auch nicht die nach unserem Stadtgründer benannte „Karl Wilhelm Schule“, wenn sie schließlich nicht doch einen Weg gefunden hätte, um aus einer schlechten Geschichte eine gute Geschichte zu machen.
Der Karlsruher Geschichtenerzähler befand sich - natürlich kein Zufall - vor Ort und gibt nachfolgend den Inhalt eines Flugblattes wieder, das an die Weihnachtsmarkt-Besucher verteilt wurde und das über die Hintergründe der Luft-Rettungsaktion aufklärte:
Liebe Besucherinnen und Besucher des Karlsruher Weihnachtsmarktes!
Ja, Sie sehen richtig: Da versuchen 15 Clowns verzweifelt, dem Karlsruher Weihnachtsbaum Luft zu verschaffen. Ist das nicht närrisch? Ja, das ist närrisch! Aber ist es nicht noch viel närrischer, dem Karlsruher Weihnachtsbaum zuvor die Luft zu nehmen?
Schauen Sie sich dieses herrliche Exemplar von einem Baum einmal genau an: 30 Jahre lang stand er in einem Wald bei Fischerbach im schönen Kinzigtal. In dieser Zeit kletterte er 15 Meter hinauf in den Himmel. Und als man ihm erzählte, dass er der Karlsruher Weihnachtsbaum auf dem Marktplatz werden darf, ist er noch einmal über sich selbst hinausgewachsen.
* Aber wie hat man ihn in Karlsruhe behandelt? Oben ist er ganz herrlich anzusehen. Aber unten? Dort wo bei einem Weihnachtsbaum die Geschenke liegen? Man hat den Baum eingesperrt und ihm geradezu „die Luft genommen“. Damit die umgebenden Buden und ein Kühlwagen Platz finden, hat man die störenden Äste weggebogen. Und zu seinen Füßen Stromkabel abgelegt und neben ihm Mülleimer und Absperrgitter deponiert. Von Wegen Heiliger Familie, Krippe, Ochs und Esel! Keine gute Geschichte!
Doch die Clowns haben Geschenke mitgebracht, sie wollen die Karlsruher Bevölkerung unter ihrem schönsten Weihnachtsbaum bescheren. Aber jetzt sehen Sie sich einmal die Bescherung an, man kommt überhaupt nicht an den Baum heran. Er ist völlig zugestellt und die Mülleimer und die Stromkabel sind verschämt hinter kleinen Weihnachtsbäumchen versteckt. So müssen die Clowns ihre Geschenke leider wieder mitnehmen, versprechen aber, dem Rathaus einen „Wink“ zu geben – fürs kommende Jahr. Denn die Clowns wollen wiederkommen. Und weil sie sich so viel Mühe gemacht haben mit ihren Geschenken, wollen wir sie Ihnen doch auch kurz vorstellen.
* Da ist zum einen das große Geschenk Respekt. Was man im konkreten Fall so deuten kann: Auch ein Weihnachtsbaum hat Respekt verdient! Und dann das Geschenk Fidelitas. Fidelitas ist in unserer Stadt ein zentraler Wert und bedeutet Treue. Treue zu Karlsruhe aber auch Treue zu sich selbst. Und diese Treue zu sich selbst meint, dass man freundlich aber bestimmt anspricht, was nicht in Ordnung ist. Ein Weihnachtsbaum kann sich nicht selbst wehren. Also müssen wir es für ihn tun.
Schließlich noch das Päckchen mit der Aufschrift „Achtsamkeit“. Die wichtigste Aufmerksamkeits-Übung ist die sogenannte Kaspar-Hauser-Übung: auf Alles mit Liebe zu schauen. Zugegeben: es ist die schwerste Übung - aber auch die schönste….
* Zurück zu den Clowns. Ist das, was sie da tun, nicht eine Verzweiflungstat?
Ja, es ist eine Verzweiflungstat. Aber was macht man nicht alles in seiner Verzweiflung:
man wächst über sich hinaus!
Und das tun diese Clowns indem sie beherzt mit der Luftpumpe dem Karlsruher Weihnachtsbaum wieder Luft verschaffen. Liebe Besucherinnen und Besucher des Karlsruher Weihnachtsmarktes! Machen Sie es genau so wie die Clowns der Karlsruher Narrenschule. Wachsen Sie über sich hinaus wenn Ihnen die Not ins Auge springt! Und vergessen Sie auch nicht, sich selbst immer wieder mal Luft zu verschaffen, zum Beispiel bei einem Spaziergang über unseren Karlsruher Schlosspark. Danach geht alles viel leichter…
* Und vergessen Sie nie, dass es hier in Karlsruhe bei Problemen immer eine Kombi-Lösung gibt: Beherztheit mit Humor!
Herzlich grüßen
die Aktiven der „Karl Wilhelm Schule für Clowns und Narren im Großformat“
Der Karlsruher Geschichtenerzähler hat den Wink mit dem Karlsruher Weihnachtsbaum verstanden, dankt allen Beteiligten, die bei der Karlsruher Luft-Rettung mitgewirkt haben und wünscht seinen Leserinnen und Lesern eine lichtvolle Adventszeit.
Manfred Bögle
Europäisches Haus der Erzählkunst
Karl Wilhelm Schule für Clowns und Narren im Großformat
www.wirkstatt.com
PS. Wie zu hören ist, wollen die Karlsruher Clowns bei nächster Gelegenheit auch im Wildparkstadion beim KSC vorbeischauen. Der Club sitzt im Tabellenkeller und braucht unbedingt Luft zwischen dem aktuellen Tabellenplatz und den Abstiegsplätzen…
