Die "unbekannte Toskana" - ein Mythos?

Manfred Bögle (März 2000)

Die Toskana ist ein gern und viel besuchtes Land. So nimmt es nicht wunder, dass Reiseveranstalter und Diashow-Vortragende bei der Suche nach Neuem ihre Funde immer wieder gerne als Bestandteile einer "unbekannten Toskana" deklarieren. Leider ist das vorgestellte Ergebnis in der Regel eher ernüchternd: hier ein Insider-Tip zu einem Weingut im Chianti, hier ein Geheimtip zu einem preisgünstigen Hotel  in Florenz, dort der Hinweis auf ein Museum für sakrale Kunst in Buonconvento oder eine etwas kleinere Kirche in San Gimignano (in der im Gegensatz zum Dom tatsächlich noch eine echte Kerze brennt und nicht nur ein flackernder elektrischer Kerzenersatz).
Aber "unbekannt"? Alles nur ein Marketing-Trick?

Erkenntnisse aus der 80/20-Regel führen weiter. Diese Regel ist verblüffend einfach und stimmt fast immer und überall, also auch in der Toskana. So ist es in etwa zutreffend, dass sich 80% aller Toskana-Besucher auf 20% der Landesfläche drängen und sich z.B. vor den Sehenswürdigkeiten in Florenz, Siena, Volterra oder San Gimignano gegenseitig die Sicht versperren oder in einer Art babylonischem Sprachgemisch verklumpen. Im Umkehrschluß ist dann richtig, dass sich 20% der Besucher auf 80% der Fläche verlieren. So kommt es, 
dass kaum jemand städtebauliche Perlen wie Mensano, Casole d'Elsa und Radicondoli kennt. Wandern wir aus diesen letztgenannten, touristisch wenig beachteten Orten hinaus und schreiten wir eine Weile kräftig voran, dann stehen wir plötzlich doch noch an jenem besonderen Ort, der uns so unwahrscheinlich erscheint: mitten drin in "unbekannter Toskana".

Es gibt sie also doch! Und bezogen auf die Landfläche sogar in aufregend großem Umfang. Die einzige Möglichkeit allerdings, mit der schönen Unbekannten in Kontakt zu kommen, ist ihr näherzutreten - und das ist wörtlich zu verstehen.


Will man die unbekannte Toskana kennenlernen, führt "kein Weg am Weg" vorbei - Wandern ist das Mittel der Wahl. Im Gegensatz zu früheren Jahren, hat sich das Trekking im toskanischen Hügelland (und
hier meine ich vor allem das "magische Dreieck" zwischen Siena-Montalcino-Volterra) von einer eher mühevollen Bewegungskunst zu einem echten Genuss-Erlebnis entwickelt. Waren es bis vor kurzem nur
Jäger und Sammler, die die auch für Wanderungen geeigneten "sentieri" vom Macchia-Bewuchs freihielten, kümmern sich seit einiger Zeit die rührigen Leute vom CAI (Club Alpino Italiano) in Kooperation mit einigen in die Zukunft denkenden Kommunen um die Sicherung und Markierung von Wegen. Und zu Fuß erschließt sich auf einmal die ganze Schönheit und der ganze Reichtum einer Landschaft, die auf besondere Weise unser innerstes Empfinden anzusprechen vermag.

Jede Jahreszeit hat in der Wander-Toskana ihr Eigenes: Im Frühjahr verkünden zahllose Orchideenblüten die Eröffnung des "Gartens", er bleibt mit seinen Inspirationen, seinem Angebot an Farben, Düften, und 
Naturklängen bis in den November hinein geöffnet. Im Winter gibt es ein "offenes Fenster" für all diejenigen, die Ruhe und innere Sammlung in klarer, lichter Winterlandschaft suchen.

Ich bin überzeugt, dass jene Besucher glücklicher und erfüllter nach Hause fahren, die neben Michelangelo, Lorenzetti und Pisano auch das "wilde Herz" der Toskana erlebt haben: bei einer Morgenwanderung auf den Le Cornate zum Beispiel, bei einer Vollmondwanderung über die Zypressenallee von Montestigliano oder bei einer Exkursion zu einer der zahlreichen Badestellen der Flüsse Merse, Farma und Cecina.

Wandern ist sanfte Körperarbeit, Wandern balanciert aus, Wandern schenkt uns durch die Erfahrung immer wiederkehrender Lebensrhythmen ein kostbares Gut:Gelassenheit.

Diese Erfahrungverbindet sich in der Toskana mit einer Vielfalt von Sinneseindrücken, die geradezu unerschöpflich erscheint. Auch heute, nach 18 Jahren Wanderschaft, ist mir jede Toskana-Reise neu. Und immer wieder anregend: rechts und links der Weges warten Geschichten darauf, erzählt zu werden - wie das Rasthaus "La Speranza" (Die Hoffnung) zu seinem Namen kam, was es mit dem "Castello che Dio sol sa" (Schloß Gottweißwo) auf sich hat und warum Wanderer im Kastanienwald von Tonni unbedingt vor Sonnenuntergang ihr Ziel erreicht haben müssen. Manches bleibt rätselhaft. So soll auf dem Gipfel des Monte Vasone im Oberen Elsatal ein Topf stehen, in dem sich eine Goldmünze befindet. Sie trägt die Aufschrift: "Felice, chi mi rigirera" - Glück dem, der mich umdreht. Wer die Münze umdreht, liest:
"Ora sto meglio" - Jetzt geht's mir besser.

Alles klar? - Unbekannte Toskana! Diese Geschichte ist noch lange nicht zu Ende...