Unerwartete Fragestunde zum Thema "moderne Clowns"

Dieter Bartels (Februar 2004)

Karlsruhe Hauptbahnhof

"Achtung an Gleis 3, der ICE Helvetia von Zürich zur Weiterfahrt nach Hamburg mit Halt in Mannheim, Frankfurt, Kassel-Wilhelmshöhe und Hannover verspätet sich bei der Ankunft um voraussichtlich 10 Minuten!!"

Hätte ich bei dieser Nachricht nicht so enttäuscht geseufzt, wäre das folgende Gespräch wohl nicht zustande gekommen. Neben mir wartete ein freundlicher Herr, dessen Krawattenmotiv als erstes ins Auge sprang. Ein Rudel Hasen gab sich die Ehre auf diverse Arten vor einem Fotografen in Pose zu werfen. "Müde?" fragte mich der Herr mit der schalkhaften Krawatte. So gerieten wir in ein Gespräch. Bald wusste ich, dass er nun schon das zweite Mal in Karlsruhe war, immer wegen der Ausstellungen und diesmal auch wegen des Schlosses, das hätte er beim ersten Besuch glatt übersehen. Nun wollte er auch etwas von mir erfahren. Nachdem ich ihm erzählte hatte, dass ich ein schönes, aufregendes aber auch anstrengendes Wochenende in Karlsruhe verbracht hatte, und dass dies mit meinem Beruf zusammenhinge, wurde er neugierig.

Herr K.: Und was machen sie beruflich?

Dieter B.: Ich bin Lehrer für Schauspiel und Clownspiel .

Herr K.: Wie?

Dieter B.: Clown- und Schauspiellehrer.

Herr K.: Ach, das kann man lernen?

Dieter B.: Ja! - Auf einer richtigen Schule.

Herr K.: Aber die Kinder lernen doch sicherlich auch Rechnen und Schreiben?

Dieter B.: Es ist eine Schule für Erwachsene. Sozusagen eine Berufsfachschule.

Herr K.: Jetzt verstehe ich. Für Zirkus, - Schminken, Verkleiden, ...
Wie machen sie das eigentlich mit den Torten? Sind die echt?

Dieter B.: Schminken und Verkleiden tun wir uns selbstverständlich auch. Der Schminkunterricht wird aber erst zum Ende der Ausbildungszeit erteilt. Uns geht es u.a. zunächst erst einmal um den ganzkörperlichen Ausdruck ...

Herr K.: Ach Pantomime! Jetzt verstehe ich. - So tun als ob man läuft und trotzdem nicht voran- kommen, traurig schauen und so.

Dieter B.: Nein, die klassische Pantomime ist eine ganz eigene Kunstgattung mit sehr speziellen Techniken. Unsere Clowns benutzen auch die Stimme...

Herr K.: Kabarett?

Dieter B.: Das Kabarett besteht meistens aus einer besonderen Form von Verbal- und Pointenakrobatik. Der Inhalt bezieht sich meistens auch auf aktuelle und politische Ereignisse.

Herr K.: Jerry Lewis?

Dieter B.: ... würde an unserer Schule sicherlich kritisch gesehen werden, weil er oftmals zu albern ist. Wir würden schauen, ob er noch mehr kann. Ob hinter seiner humorvollen Albernheit ein ernsthafter, tiefsinniger Humor verborgen ist.

Herr K.: Ohne Lachen?

Dieter B.: Lachen gehört dazu. Humor muss man als Clown schon haben. Der Clownspieler muss vor allen Dingen auch über sich selbst lachen können.

Herr K.: Comedy! Meinen sie das? Das gibt es jeden Abend bei den Privaten im Fernsehen.

Dieter B.: Ja. Manche Comedians, die man im Fernsehen sehen kann, benutzen Elemente des Clowns. Auch in unserer Schule lernt man komische Figuren zu spielen, die auf den ersten Blick nicht wie ein Clown aussehen. Wir nennen diese Figuren Alltagsclowns.

Herr K.: Dick und Doof!?

Dieter B.: Ja. Zum Beispiel. Stan und Oli benehmen sich oft wie Clowns, auch ihr Verhältnis ist ein clownneskes und trotzdem wohnen beide z.B. gemeinsam in einem Haus, fahren als Matrosen zur See oder arbeiten für einen Klaviertransport. Aber Vorsicht. Stan und Oli sind Alltagsclowns ihrer Zeit. Jede Zeit hat ihre eigenen Clowns. Der Clown muss immer neu erfunden werden, gewissermaßen seiner Zeit und seinem Publikum angepasst werden. Das heißt aber nicht, dass man traditionelle Clownszenen heute nicht mehr spielen kann. Sie müssen nur frisch serviert werden. Das kann auch bedeuten, dass mal eine Sahnetorte fliegt. Moderne Clownerie ist aber eben viel, viel mehr. Aber auf jeden Fall werden sie sich als Zuschauer immer amüsieren. Vielleicht werden sie sich manchmal sogar tief berührt fühlen. Und manchmal werden sie sich u.U. sogar wie ein Kind fühlen.

Herr K.: Ich habe einmal in der Schule einen Sketch von Karl Valentin aufgeführt. Den kann ich heute noch auswendig. Zur Silberhochzeit meiner Eltern habe ich ihn noch mal aus der Versenkung geholt. Das hat mir einen Riesenspass gemacht. Mein Bruder sagt immer: "An dir ist ein Schauspieler verloren gegangen." Was lernt man denn bei ihnen als Anfänger?

Dieter B.: Spielen. Zunächst mit einem Partner oder in kleinen Gruppen. Es ist jedoch von Anfang an das lustvolle Spiel, wie es Clowns zelebrieren. Wir spielen mir Körper, Herz und Seele ohne Verstand. Der hat während des Spiels zunächst Pause. Dabei gönnen wir uns die Lust naiv zu sein und in Fettnäpfchen aller Art zu treten. Dieses lustvolle Spiel bringen wir dann nach und nach auf die Bühne. In diesem Sinne ist Clowntheater die Kunst sich öffentlich zu vergnügen und dabei den Funkenschlag des lustvollen Schabernacks auf die Zuschauer überspringen zu lassen.

Herr K.: Mit Verkleidung?

Dieter B.: Kleidung in der man sich gut bewegen kann und die auch mal zum Toben geeignet ist, reicht am Anfang aus. Aber eine rote Nase benutzen wir auch als Nachwuchsclowns von Anfang an.

Herr K.: Und wo findet der Unterricht statt?

Dieter B.: Hier in Karlsruhe. Unsere Schule arbeitet mit der wirkstatt seit Jahren eng zusammen. Wir bieten Anfängerseminare und Intensivfortbildungen an. Unsere Wirkstattkurse stellen so etwas wie die südwestliche Filiale unserer Schule dar. Ich überlasse ihnen mein Programm. Schauen sie einmal rein. Vielleicht sehen wir uns dann einmal bei einem Clownanfängerkurs. Für diesen Fall wünsche ich ihnen schon jetzt: Viel Vergnügen!

P.S.: Lieber Herr Krause, ich hoffe, Sie haben auch ohne Reservierung einen Sitzplatz bekommen und sind gut in Frankfurt angekommen. Wenn Sie sich tatsächlich das neue Programm der wirkstatt besorgt haben, werden Sie hoffentlich auch über diesen Text stolpern. Ich hoffe, ich habe unser Gespräch richtig wiedergegeben. Sie konnten so erfrischend einfache Fragen stellen und in Ihren Augen funkelte die Lust. ein Schalk zu sein. Nur Mut zum dritten Besuch in Karlsruhe!

Mit clownesken Grüssen

Dieter Bartels