Warum erzählen?
Gidon Horowitz (Dezember 2002)
Warum ich erzähle? Ganz einfach weil ich voller Geschichten bin, und die wollen und müssen heraus. Manche, die mir ganz nah sind, erzähle ich nur mir selbst; manche schreibe ich auf; und viele erzähle ich anderen und erlebe dabei immer wieder, wie wohltuend ein solches Zusammensein ist.
Ich liebe Geschichten seit meiner frühesten Kindheit. Es gab eine Zeit, dassaß ich nur, wenn meine Mutter mir dabei etwas erzählte oder vorlas. Mittlerweile weiß ich, dass ich mit dieser Leidenschaft nicht alleine bin, dass viele Menschen Geschichten lieben und wenn eine zu Ende ist, gleich nach der nächsten fragen. Und ich weiß auch, dass das Erzählen von Geschichten seit Urzeiten zum menschlichen Leben gehört. Erzählen ist ein menschliches Grundbedürfnis, das spürt jedes Kind.
Wir können uns natürlich fragen, weshalb das so ist. Ich stelle mir diese Frage nur selten - ich erzähle lieber. Es ist eine Frage des kritischen Verstandes. Der möchte berechtigterweise auch gefüttert werden, und deshalb gebe ich doch einige Ansätze von Antworten dazu. Dabei geht es mir nicht um Vollständigkeit, sondern eher um Anregung zum eigenen Weiterdenken für diejenigen, die das wollen.
Was geschieht also beim Erzählen? Ich würde sagen, dass auf vielen verschiedenen Ebenen etwas geschieht. Zum einen ist das Erzählen "Zeitvertreib": Oft wurde und wird bei eher langweiligen, einförmigen Tätigkeiten erzählt; früher zum Beispiel in Spinnstuben, heute vielleicht bei einer Zugfahrt oder bei einer für die Beteiligten mühseligen, eintönigen Wanderung oder... Beim Erzählen und Zuhören wird die Zeit nicht als langweilig erlebt, sie kann im Gegenteil sehr rasch vergehen.
Seit alters her war Erzählen zudem oft mit Belehrung verbunden. Das überlieferte Wissen wurde und wird in Form von vielschichtigen Geschichten weitergegeben. Vor einem Jahr bin ich einem Erzähler aus dem Norden Kanadas begegnet, dessen Volk seit weit über tausend Jahren dort lebt. Er bewahrt und erzählt die alten überlieferten Geschichten, die sich oft über Wochen erstrecken. Die Winternächte sind lang dort im Norden "Wir erzählen nie ohne Grund", sagte er. Der Anlass kann etwas Äußeres sein - kein Regen, keine Jagdbeute - oder etwas innerlich Erlebtes wie z.B. ein Traum. Die Geschichten vermitteln das Wissen des Volkes um diese und die jenseitige Welt. Durch das Erzählen bleibt das alte Wissen bei den Menschen lebendig. Es ist im Wesentlichen das Wissen um das Gleichgewicht im Leben des Einzelnen und in der Welt. Dieses Gleichgewicht ist immer wieder bedroht, wird immer wieder gestört, und viele Geschichten erzählen davon, wie es wieder hergestellt werden kann. Solches Erzählen trägt somit auch zum Fortbestand des menschlichen Lebens bei.
Im Leben des Einzelnen kann Erzählen außerdem eine Form der Verarbeitung darstellen. Das erlebe ich zum Beispiel im therapeutischen Rahmen, und dabei ist mein Zuhören und klärendes Nachfragen ganz wichtig. Manche Menschen müssen erst lernen, ihre Geschichte zu erzählen; sie haben es nie oder kaum je erlebt, dass ihnen jemand wirklich zugehört hat. Durch das Erzählen klärt sich etwas, die eigene Geschichte wird verdichtet und strukturiert. Es wird eine Auswahl getroffen - es ist unmöglich und auch nicht hilfreich, alles Erlebte zu erzählen. Und mit der Zeit wird im Erzählten vielleicht sogar Sinn erkennbar. An diesem Punkt wird es dann auch möglich, die eigene Geschichte anzunehmen und damit zu leben. Erzählen kann also eine therapeutische Wirkung haben, und bei dieser Art des Erzählens sind auch die Wiederholungen ganz wichtig: Durch das Wiederholen wird die Geschichte unwillkürlich bearbeitet, bis sie dann irgendwann "stimmt".
Aber Erzählen geht über das bloße Weitergeben oder Verarbeiten hinaus. Wer erzählt, der wählt nicht nur aus, sondern dichtet immer auch hinzu. Das geschieht meist unwillkürlich, und je weniger Absicht damit verbunden ist, desto stimmiger sind solche Veränderungen. Denn wenn erzählt wird, ist immer auch die Phantasie beteiligt. Beim Erzählen und Zuhören kommen wir in Berührung mit dem inneren Reichtum unserer Vorstellungskraft, und das wird von vielen Menschen immer wieder als beglückend erlebt. Unsere Phantasie ist eine Zaubergabe. Sie bringt uns in Verbindung mit einer anderen Welt jenseits der alltäglich erlebten, in der andere Gesetzmäßigkeiten gelten und in der vieles möglich, ja sogar selbstverständlich ist, was im Alltag unmöglich erscheint. Natürlich können wir mit unserer Phantasie äußere Gegebenheiten nicht verändern. Aber wir können sie aus einem anderen Blickwinkel sehen, und wir können neue Wege entdecken, damit umzugehen. Wir können zum Beispiel einen Traum, aus dem wir voller Angst schweißgebadet erwachten, weiterspinnen und in der Vorstellung zu einem guten Ende führen. Der kritische Verstand wird einwenden, dass das Selbstbetrug ist, aber das sehe ich anders. Der Traum bleibt ja, aber wir arbeiten damit; und unsere Vorstellungen wirken auf uns, unsere Gefühle, unsere Befindlichkeit. Um diese Begabung einsetzen zu können, müssen wir sie allerdings üben und pflegen. Und genau das geschieht ein Stück weit beim Erzählen und Zuhören.
Es geht dabei allerdings nicht darum, in eine Phantasiewelt abzudriften, um dem "grauen Alltag" zu entfliehen. Es geht vielmehr darum, den grauen Alltag mit Farben zu beleben. Genau davon erzählen auch viele Märchen und Geschichten. Wir brauchen das "Wasser des Lebens" oder die "Blaue Blume" um unseren Alltag mit Leben zu erfüllen. Wer erzählt, begibt sich somit auf eine Art Wanderung zwischen zwei Welten. Er oder sie muss ganz hier und dabei auch intensiv "dort" sein. Und dieses Erlebnis wird auch den Zuhörenden vermittelt.
Je länger ich erzähle, desto deutlicher merke ich übrigens, dass Erzählen und Zuhören untrennbar zusammengehören und im Grunde eins sind. Wer erzählen will, muss zuerst zuhören und erleben, um etwas erzählen zu können. Und wer zuhört, der kommt zum Erzählen, wenn er das Gehörte weitergeben möchte. Und eines Tages kann es dann geschehen, dass der Erzähler oder die Erzählerin beglückt merkt, wie "Es" durch ihn oder sie erzählt. Die Geschichte erscheint durch die Erzählenden, und sie sind zum Teil in der Welt der Geschichten. Dann bedarf es beinahe keiner Zuhörenden mehr - und seltsamerweise kommen sie gerade dann und sind be-geistert, das heißt berührt von der geistigen Welt der Geschichten.