Interview mit Paul O. Pfister (Juli 2001)
...und weil sie nicht gestorben sind, leben sie noch heute!
Eigentlich treten sie ja seit mehr als 2000 Jahren nicht mehr als Volk in Erscheinung - und doch sind sie auf ganz eigene Art und Weise noch lebendig: in Orts- und Flurnamen, in Geschichten und Anekdoten, in Lebenshaltungen und Redewendungen - vor allem fest verankert im Bewusstsein der toskanischen Bevölkerung, die sich auch heute noch selbstbewusst und selbstverständlich auf ihre Vorfahren bezieht.
Ein
besonderer Kenner der etruskischen Kultur ist Paul O. Pfister, vielen
unserer Feriengäste noch als Leiter von "Celidonia"
bekannt, jenem Ferienzentrum in der Südwest-Toskana, mit dem
vor 20 Jahren der "toskanische Traum" der wirkstatt begonnen
hat. Mit Paul O. Pfister sprach Manfred Bögle.
(Fotos: Ilse-Marie Pohl, aufgenommen im Kreuzgang von Torri/Siena)
MB:
Du hast Dich in Deiner toskanischen Zeit viel mit den Etruskern
beschäftigt...
PP: Ja, ich habe viel über die Etrusker gelesen, habe die Zeugnisse ihrer Kultur besichtigt, habe mit Gästen der Toskana über sie gesprochen. Aber ich bin kein Fachmann. Ich spreche z.B. die etruskische Sprache nicht...
MB: Es gibt wahrscheinlich nicht viele, die sie kennen.
PP: Es gibt schon Leute, die das Etruskische verstehen. Ich habe in Siena den Vortrag eines Etruskologen gehört, der in der anschliessenden Diskussion mit seinem Kollegen von der Universität Siena etruskisch plauderte.
MB: Wie hört sich das Etruskische an?
PP: So etwa wie sardisch, so ein bisschen italienisch.
MB: Was ist Deine persönliche Faszination an den Etruskern?
PP: Das war zunächst das Geheimnisvolle. Meine erste Faszination hatte damit zu tun, dass ich die Etrusker nicht kannte. Als ich ihnen erstmals begegnete, in Volterra, im Museum Guarnacci, tauchten überraschende Fragen auf. Ich hatte schon von den Etruskern gelesen, wusste, dass sie als Ureinwohner vor den Römern dasswaren. Aber für mich waren das erste Kulturvolk in Italien natürlich die Römer. dassentdeckte ich etwas ganz Besonderes und vor allem Geheimnisvolles. Mich hat vor allem die Betonung der Individualität bei den Etruskern fasziniert. Im Museum finden wir Urnendeckel, für frühesten aus dem 5. oder 4. Jahrhundert vor Christus, nicht nur von Königen und berühmten Leuten, bei denen die Gesichter der abgebildeten Menschen sehr individuell ausgeformt sind. dasshabe ich mich gefragt, was das für ein Volk war, für das die Individualität in einer Zeit, in der das Individuum keine Rolle spielte, solch eine Bedeutung hatte. Das zweite Faszinosum war die Rolle der Frau. Bei den Etruskern haben die Frauen im Gegensatz zu den bekannten Kulturen des Altertums eine große, eine wichtige Rolle in der Gesellschaft gespielt!
MB:
Für den Toskana-Reisenden unserer Tage scheint die Kultur der
Etrusker als Thema nicht sehr aktuell zu sein. Man kann diese Kultur
im erlebensbetonten Reisegeschäft schlecht "verkaufen"
im Sinne von: dassgeht man jetzt hin, dassgibt's große Tempelanlagen
oder irgendwas, was große Lebendigkeit ausstrahlt. Auf der
anderen Seite erlebe ich immer wieder, dass die Etrusker im Volksbewusstsein
sehr wohl präsent sind. Wie äußert sich diese Präsenz
oder anders gefragt: Wie lebendig sind die Etrusker heute noch?
PP: Meiner Meinung nach hat die Bedeutung der Etrusker ziemlich stark mit der Struktur Italiens zu tun. Italien ist eine Einheit, aber gleichzeitig ein Land von ganz verschiedenen Kulturen, die sich untereinander zum Teil fremd oder sogar spinnefeind sind. Eine Basis dieses Bewusstseins, etwas Besonderes zu sein, nährt sich in der Toskana aus dem Wissen, von den Etruskern abzustammen. «Wir sind Kinder eines uralten Kulturvolkes», denkt der Toskaner, «das mit den anderen italischen Völkern eigentlich nichts zu tun hat und ihnen überlegen ist». Diesen Eindruck gibt z.B. die Sprache. Die etruskische Sprache ist in Europa eine der wenigen nicht-indogermanischen Sprachen. Man weiss bis heute nicht, woher sie gekommen ist. Sprachwissenschaftlich gesehen sind die Etrusker sozusagen vom Himmel gefallen.
Wenn man in die Museen geht, findet man aber neben dem einzigartig Etruskischen unzählige Einflüsse fremder Kulturen aufs Etruskische. Ein Beispiel ist Murlo, wo man sich zeitweise in Ägypten fühlt, mit kulturellen Ausdrucksformen, die völlig losgelöst von der damals vorherrschenden Kultur waren. Haben dassägyptische Einwanderer, nicht politisch, aber kulturell dominiert? Hat vielleicht ein Töpfer, der in Ägypten war oder von dort stammte, seine Kunst mitgebracht? Vielleicht hat seine Arbeit den Leuten gefallen, worauf sie Sphinxen schufen und ihre Priesterfiguren mit ägyptischen Bärten versahen.
MB:
Eine bekannte Kunsthistorikerin vertritt die Meinung, die Kunst
der Etrusker erinnere sie stark an die moderne Kunst des 20 Jahrhunderts.
Der "Abendschatten" im Museum in Volterra wäre heute
moderne Kunst.
PP: Das hat wahrscheinlich mit der Betonung der Individualität zu tun, die in dieser Form im Altertum einzigartig ist. Bei den Etruskern ist nämlich nicht nur die Individualität von Amts- und Würdenträgern von Bedeutung. Ein klassisches Beispiel für die Bedeutungslosigkeit der Individualität im Altertum ist der Kaiser Augustus, der lang gelebt hat und dessen Bild in ganz Europa verbreitet ist. Die Staatsidee des römischen Kaiserreichs ist in einem Gesicht verkörpert, das sich in den langen Jahren seiner Regierungszeit nicht verändert, das immer jugendlich, ebenmässig bleibt, also überindividuell. Das ist bei den Etruskern anders. Wenn man in Volterra das Museum besucht und dann durch die Straßen geht, hat man bei den Menschen, denen man begegnet, immer wieder das Gefühl: «Die hab ich doch schon mal gesehen!» Man hat sie im Museum gesehen, wo auf Urnendeckeln ihre Ahnen abgebildet sind. Die heute Lebenden sehen immer noch gleich aus wie ihre Vorfahren, in ihrer individuellen Verschiedenheit. Bei den Etruskern gilt das nicht nur für berühmte Leute oder Träger einer Staatsidee, sondern auch für Durchschnittsbürger, die auf dem Urnendeckel individuell verewigt wurden. Diese Bedeutung der Individualität ist für die damalige Zeit wirklich einzigartig.Ich glaube, dass das Selbstbewusstsein der heutigen Toskaner viel damit zu tun hat.
Das ertruskische Bedeutungs-Bewusstsein ist alt und verbreitet. Ich habe in meiner Bibliothek ein Buch aus dem Jahre 1642, das den Titel «Raetia sacra» trägt und eine Geschichte Graubündens, des Volks der Rätier ist. In diesem Buch werden die Rätier auf die Etrusker zurückgeführt, und das ist insofern nicht ganz falsch, weil die Etrusker in ihrer Blütezeit tatsächlich bis zum Südrand der Alpen vordrangen. Die Sprache dieses Gebiets, das Rätoromanische, ist die einzige noch heute gesprochen Sprache, die Wortstämme verwendet, welche aus dem Etruskischen stammen. In diesem "Raetia sacra" wird eine Genealogie der rätischen Geschlechter dargestellt, die bei etruskischen Königen endet, welche es allerdings in Wirklichkeit gar nie gab, die im Buch aber alle einen Namen haben. Die direkte Abkunft von den Etruskern wird damit als eine Qualität nachgewiesen. Das zeigt, dass das Etruskische auch im 17. Jahrhundert als etwas Bedeutendes, Besonderes, Positives erlebt wurde, obwohl die Besiedlung des Alpensüdrandes durch die Etrusker politisch keine Bedeutung hatte.
In der Toskana hört man noch heute Sätze wie "E un vero etrusco", wenn einer ein verrückter Kerl ist...
MB: Ein besonderer....
PP: Jaja, der Ausdruck hat mit Hochachtung zu tun. Er bedeutet etwa: «ein harter Schädel», zum Beispiel einer, der sich nichts vormachen lässt, der sich nicht beugt vor den anderen, der sich nicht dreinreden lässt, der macht, was er für richtig hält. Umgekehrt gibt es die Verachtung für alles Nicht-Etruskische. In der Toskana ist es bei Restaurant-Besuchen üblich, dass einer für alle zahlt. Wenn jeder sagt: Ich zahle meine Zeche selber, ist das erniedrigend. Wenn jeder selber zahlt, dann heisst das «pagare alla Romana», also «Zahlen wie die Römer».
MB: Wenn ich in einem Restaurant in Deutschland bin, sag ich das manchmal auch. Dann lachen die, die kennen das tatsächlich auch.
PP: In San Gimignano hat man mich aber korrigiert. «Nein, das sagt man jetzt nicht mehr, man sagt jetzt: ,pagare all'americana`».
Ein anderes Beispiel für die regionalen Rivalitäten in Italien: Wenn ich einmal gegenüber Abmachungen misstrauisch war, wenn ich fragte, ob man eine Vereinbarung nicht auch schriftlich festhalten sollte, kam der Protest: «Wir sind doch keine Römer», was man übersetzen könnte: «Wir sind doch keine Betrüger». Die Römer sind für die Toskaner keine sympathischen Leute. Es sind Usurpatoren. Florenz war einmal für sieben Jahre die Hauptstadt Italiens, bis der Kirchenstaat aufgehoben und Rom "befreit" war. Spricht man die Florentiner auf diese kurze Hauptstadt-Periode an, antworten sie mit dem geflügelten Wort: «Sono venuti, sono andati» - «Sie sind gekommen , sie sind aber auch wieder gegangen». Die Römer, die Italiener überhaupt sind Fremde, sie gehen uns nichts an. Frage ich einen Toskaner: «Bist du Italiener?», sagt er: «Nein, ich bin Toskaner.»
MB:
Wie unrecht tut man dassden Römern?
PP: Die Römer wissen, dass die etruskische Kultur älter und reicher war als ihre eigene ursprüngliche Kultur. Rom selber war eine etruskische Gründung. Rom war zuerst eine etruskische Siedlung, und das Etruskische spielte in der Geschichte Roms eine wichtige Rolle. Bis weit in die christliche Zeit hinein waren die wichtigsten Straßenbauer und Ingenieure der Römer Etrusker. Viele trugen etruskische Namen. Lateinisch war die Amtssprache, hat dominiert, aber in die lateinische Kultur ist sehr viel Etruskisches eingeflossen. Die Etrusker selber haben sich recht lange als etwas Besonderes definiert, aber sie haben sich integriert.
MB: Was weiß man noch über Rituale? Wie sind Rituale der Etrusker überliefert?
PP: Eigentliche Rituale kenne ich nicht. Aber es gibt Legenden. Unter den Etruskologen gibt es eine Tradition, wie bei den Mediävisten die Suche nach dem Gral. Es ist die Suche nach dem Versammlungsort des etruskischen Zwölf-Städte-Bundes. Nach einem Buch soll es eine geheime unterirdische Kammer bei Orvieto sein, die nur ein paar eingeweihten Grabräubern, tombaroli genannt, bekannt sei. Neben der offiziellen Etrusker-Forschung gibt es die inoffizielle Kultur der Grabräuber, die eine große und nicht nur negative Tradition hat. Sie ist zwar nicht legalisiert. Aber es gab zweieinhalbtausend Jahre lang Grabräuber, die alte Gräber ausplünderten und ihre Funde in den Verkehr brachten. Diese Leute gibt es auch heute. Sie behaupten verrückte Sachen, haben eine eigene Tradition und geheime Beziehungen untereinander und meinen, was die Etruskologen erzählten, sei alles Quatsch; sie wüssten es besser, wüssten viel mehr, nur dürften sie es nicht sagen, sonst komme alles ans Licht, was sie täten.
Ich kann Dir dazu eine lustige Geschichte erzählen. Im ZDF wurde ein Film über die Etrusker gezeigt. Darin wurde ein Mann befragt, der Töpferei in etruskischem Stil betreibt. Er ist ein Kunsthandwerker des 20. Jahrhunderts und fertigt sehr schöne Töpfereien, typisch etruskische Sachen. Nach deren Echtheit gefragt, sagte er: «Meine Werke sind echt etruskisch; z. B. sind im Antikenmuseum in Basel etwa 200 Werke von mir ausgestellt.» Als die Sendung ausgestrahlt wurde, geriet ganz Basel in Aufregung. Die Sammlung von 200 etruskischen Werken, die der Töpfer meinte, war die Schenkung eines reichen Baslers und galt als eine der größten und wertvollsten Etrusker-Sammlungen. Von offizieller Seite wurde die Behauptung des Töpfers sofort dementiert. Die Aussage sei bloß ein Bluff. Es stimme alles nicht. Die Sammlung sei vollständig echt. Dabei ist man bis heute geblieben. Ob die Stücke tatsächlich echt sind, finde ich eigentlich unerheblich. Die Ausdrucksformen, welche die Etrusker nutzten, sind offenbar so lebendig geblieben, dass man auch heute am Kiosk Sachen kaufen kann, die so schön sind wie das, was im Museum steht.
MB:
Zeitlos...
PP: Aber es wurde eben erst hergestellt, und es wird nicht verschwiegen, dass dem so ist. Kunst ist ja immer Ausdruck eines inneren Befindens, und offenbar ist dieses innere Befinden, das man etruskisch nennen könnte, bei gewissen Leuten immer noch so intakt, dass sie Etruskisches machen können, auch wenn es von heute ist. Ebenso haben ja Maler in Siena bis weit ins 20. Jahrhundert hinein gotische Malerei herstellen können, bei der man genau hinschauen muss, bis man weiss, ob das Bild aus dem 19. oder 14 Jahrhundert stammt. Das ist möglich, wenn das innere Empfinden des Künstlers ähnlich geblieben ist wie zur damaligen Zeit. Es ist nicht ohne Bedeutung, dass das Etruskische nicht untergegangen ist, vor allem im Volksbewusstsein, in bestimmten ländlichen Traditionen.
MB: Ist die von Dir eingangs erwähnte Gleichstellung von Mann und Frau etwas von dem, was bis in die heutige Zeit geblieben ist?
PP: Das kann ich nur subjektiv beantworten, weil ich keine Vergleiche habe und weil ich kein Ethnologe bin. Ich meine dem Phänomen der besonderen Bedeutung der Frau in der Gesellschaft aber auf dem Land auf Schritt und Tritt zu begegnen. Die Frau hat in der traditionellen ländlichen Kultur der Toskana eine ganz besonders große Rolle. Die Geschlechterrollen bringen eine perfekte Arbeitsteilung mit sich. Wenn ich unsere Putzfrau fragte: «Hilft dir denn dein Mann nicht in der Küche?», erschrak sie: «Um Gottes willen, er soll nach dem Essen möglichst rasch in die Bar zu seinen Freunden gehen, damit ich in Ruhe meine Arbeit zu Hause machen kann. Meine Arbeit geht ihn nichts an, das versteht er nicht» Auf dem Land herrscht zwischen Mann und Frau Arbeitsteilung; er bringt das Geld nach Hause, das er verdient hat, aber nachher entscheidet sie, was im Haus passiert.
Bei den Etruskern fällt die gesellschaftliche Anerkennung der Frau besonders auf. Dies war im Altertum ein Skandalon. Die älteste Schrift über die Etrusker ist eine griechische Spottschrift, in der die Frauen als Huren beschimpft wurden, weil sie öffentlich auftraten, zum Beispiel unbegleitet ins Freie gingen. Um das zu verstehen, muss man in ein traditionell islamisches Land gehen, nach Afghanistan zum Beispiel. Wenn eine Frau dort ohne Schleier angetroffen wird, ist sie eine Hure. So war es im Altertum weitgehend. Die Frauen hatten eine Rolle, wie sie heute im traditionellen Islam üblich ist. Bei den Etruskern hatten sie eine andere Rolle. Sie lagen neben dem Mann bei Tisch, führten das Haus, machten Geschäfte und wurden in Urnen beigesetzt, welche dieselben Verzierungen und Deckel aufwiesen wie jene der Männer. Ihre soziale Stellung hat wahrscheinlich Folgen für die Zukunft gehabt. Aber ob die traditionelle Landstruktur darauf zurückzuführen ist, weiß ich nicht.
MB:
Wie äußert sich der besondere Stolz der Bevölkerung
auf ihre Vorfahren?
PP: Mir fällt ein Beispiel ein. Vor etwa 10 Jahren hat ein pensionierter Mann in Perugia, der einen kleinen Garten außerhalb der Stadt hat, beim Graben ein Loch gefunden. Die Schaufel ist plötzlich in einen Hohlraum gefallen. Beim Hineinschauen hat gesehen, dass er ein etruskisches Grab geöffnet hatte. Er holte untypischerweise nicht die Tombaroli, sondern die Archäologen. Und die haben das Grab geöffnet und gesehen, dass es sich um eines der wenigen unberührten Gräber handelte, die nicht schon im Altertum ausgeraubt worden waren. Man hat dann das Gelände abgesperrt und ist in das Grab hineingegangen. Man fand ein Familiengrab mit einer Reihe von Urnen; doch es war auch ein Sarkophag dabei. Dieser musste einen Toten enthalten, der nicht verbrannt worden war. In allen Zeitungen konnte man, zum Teil ganzseitig, Reportagen darüber lesen. Solche archäologischen Berichte sind übrigens viel häufiger als in deutschsprachigen Zeitungen. Beim Grab in Perugia wurde auch das Fernsehen eingeschaltet. Die Graböffnung wurde in einem zweitätigen Programm direkt übertragen. Am ersten Tag wurde das Innere des Sarkophags mit Instrumenten untersucht, wie sie Chirurgen benutzen. Am zweiten Tag wurde der Deckel geöffnet und der Inhalt live gezeigt. Die Zuschauer konnten die Entdeckung mitverfolgen. In der Schweiz, wahrscheinlich auch in Deutschland, würde man kaum auf ein solches Interesse stossen, wenn man ein mittelalterliches Grab öffnen würde.
Eine andere beeindruckende Geschichte betrifft die neue Aurelia, die Autobahn an der ligurischen Küste. Bei Follonica gab es bis vor kurzem ein Stück gesperrte Autobahn. Vor etwa 20 Jahren wurde beschlossen, die Aurelia als Schnellstrasse zu bauen, von Livorno bis Rom. Auf der Höhe von Follonica wurde während zehn Jahren nicht weitergebaut, weil man bei den Erdarbeiten auf ein etruskisches Dorf stiess, grad bei einem Tunnelausgang. Ein unbedeutendes Dorf, mit unbedeutenden Funden, aber seit dem Altertum völlig unberührt. Diesen Fund wollten sich die Etruskologen nicht entgehen lassen. Der Autobahn-Bau wurde gestoppt. Dann wurde ein knappes Jahr lang gegraben. Nach dieser Grabung war die Autobahn fertig, mit Ausnahme des einen, kurzen Stücks. Das Geld war aber auch aufgebraucht. Man hat die Baustelle dann zehn Jahre lang so belassen; man musste die Autobahn verlassen und etwa 10 km aussen herum fahren, das alles wegen dieses etruskischen Dorfes. Ein Hinweis auf das besondere Bewusstsein des Toskaners, dass man mit dem historischen Erbe sorgsam umgehen muss. Die Straße ist nicht wichtiger, auch die Staus sind nicht so wichtig wie ein etruskisches Dorf.
MB:
Was ist vom gesellschaftlichen Verständnis der Etrusker heute
noch wirksam?
PP: Ein Phänomen im Bewusstsein von heute könnte mit den Etruskern zu tun haben, die Trennung des staatlichen vom persönlichen Leben. Es gab bei den Etruskern zwar eine staatliche Struktur, die aber zu schwach war, um dem Ansturm der Römer standzuhalten. Die Etrusker kannten keinen eigentlichen Staat, sondern nur unabhängige Stadtstaaten in einem lockeren Bündnis. Diese halfen einander nicht genügend gegen die machtvollen Römer und konnten, eine nach der anderen, erobert werden. Im Gegensatz zum Staatsbewusstsein war die Sippe, und Familie viel wichtiger. Das Familienbewusstsein war außerordentlich stark und ist es in der traditionellen toskanischen Gesellschaft heute noch.
Ein weiteres ist die Bedeutung der Umwelt bei den Etruskern. Im Altertum war die Astrologie, vor allem aber das Zukunftlesen oder Schicksallesen von großer Bedeutung. Aus der römischen Geschichte kennen wir den Haruspex, den Eingeweide-Beschauer. Der römische Haruspex war aber eigentlich eine etruskische Priesterfigur. Er hat das Opfertier angeschaut, vor allem deren Leber, und daraus die Zukunft vorausgesagt. Die Etrusker haben diese Vorausschau nicht nur mit der Leber des Opfertiers gemacht, sondern mit dem Gockelblut, mit der Bewegung der Fische im Wasser, mit dem Vogelflug, mit den Blitzen. Man hat alles gedeutet. Das war Teil eines Bewusstseins, dass die Umwelt und wir nicht zwei völlig Fremde sind, sondern zueinander sprechen, dass wir uns einander etwas zu sagen haben.
In San Gimignano zeigt sich das bei der Legende der heiligen Fina, an deren Todestag jedes Jahr die Veilchen in den Mauern blühen. Das ist das Wunder der heiligen Fina! Man deutet ein Naturereignis kulturell, man bringt die Natur in einen kulturellen Zusammenhang.
Die Grundschwäche der Etrusker war wahrscheinlich das mangelnde Staatsempfinden. Das ist vielleicht etwas, von dem wir lernen können. Zum Fortbestand einer Gesellschaft genügt eben nicht nur das Individuum und die Entfaltung des Individuums in der kleinen Gruppe. Es braucht auch eine gemeinschaftliche Struktur, welche die Kultur schützt wie ihren Boden, und welche Raum gibt für Entfaltung. Kultur braucht auch Staat. Das haben die Etrusker nicht erkannt.