Zur Rehabilitierung eines philosophischen Begriffs
Prof. Dr. Wilhelm Schmid (Dezember 2000)
Wir scheinen in einer Zeit zu leben, in der die Heiterkeit nicht sonderlich am Platz ist. Zuviele schlimme Nachrichten stürmen auf uns ein, und es gibt vielleicht Grund, der Verzweiflung näher zu sein als der Heiterkeit. Warum dennoch die Rede davon? Woher das neuerliche Interesse daran? Festzuhalten ist zunächst nur, dass die Heiterkeit, wie auch die Lebenskunst, die Selbstsorge, die Gelassenheit etc., offenkundig zur Familie der Begriffe gehört, die in der Moderne, und mit ihr in der modernen Philosophie, weitgehend vergessen worden sind. Wesentliche Momente des Begriffs sind nur durch einen Rückgriff auf dessen Geschichte zu erschliessen. Dann erst, wenn der Begriff vergegenwärtigt worden ist, können die Gründe für sein Verschwinden in der Moderne und die Möglichkeiten seiner Erneuerung erörtert werden.
1. Heiterkeit ist eine Form von Lebensführung
Offenkundig kann Heiterkeit produziert werden: Sie ist geradezu eine bewusst gewählte und asketisch hergestellte Haltung, verbunden mit einer bestimmten Sicht der Dinge und der Welt. Es handelt sich bei der Heiterkeit um eine vom Selbst bewusst vorgenommene, maßvolle Disposition des Gemüts. Das geht bereits aus dem Urtext der philosophisch inspirierten Heiterkeit hervor, nämlich Demokrits Abhandlung "Über die Heiterkeit" aus dem 5./4. Jahrhundert v. Chr. Die erhalten gebliebenen Fragmente sprechen von einer euthymía, zusammengesetzt aus der Vorsilbe eu- ("gut", "Wohl-") und dem Wort thymós, das für die seelisch-geistige Kraft im Menschen steht, wörtlich also eine Wohlgesinntheit, Wohlgestimmtheit des Gemüts, die jedoch mehr ist als nur ein Gemütszustand, der zufälligerweise so oder so ausfallen kann. Den Menschen, so sagt Demokrit, entstehe Heiterkeit aus dem maßvollen Umgang mit Lüsten und aus einem "Leben im Gleichmaß".
Entscheidend
ist dieses Leben im Gleichmaß, wörtlich das "symmetrische
Leben", eine Wohlproportioniertheit zwischen dem Zuviel und Zuwenig
in allen Dingen, nicht zu verwechseln mit einer arithmetischen Mitte.
Das symmetrische Leben setzt die Wohlgesinntheit ins Werk, mit der die
Heiterkeit erfahrbar wird, und meidet die gegensätzliche Übelgesinntheit
und Missmutigkeit (kakothymía oder auch dysthymía). Übelgesinntheit
wird vermieden, wenn man grundsätzlich davon ausgeht, dass nichts
reibungslos vonstatten geht, dass nichts problemlos funktioniert. Die
Werkzeuge sind grundsätzlich krumm und schief, und es kommt darauf
an, sie so zu gebrauchen, wie sie nun mal beschaffen sind. Dies gilt erst
recht für den Umgang mit Menschen: Sie sind, wie sie sind. Wer sich
mithilfe asketischer Einübung daran gewöhnt, Eigenarten und
Merkwürdigkeiten Anderer als gegeben hinzunehmen, der erreicht anstelle
von Missmut Wohlgemutheit.
Ferner kommt es darauf an, über erfreuliche Dinge sich auch wirklich zu freuen. Das bedeutet keineswegs, nur Erfreuliches zu affirmieren und Unerfreuliches zu negieren. Es handelt sich nicht um ein modernes Positivdenken, denn im Unterschied dazu präpariert sich das Selbst hier für das "Negative" und rechnet nicht mit dem "Positiven" - gerade aus diesem Grund wird es resistent gegen Enttäuschungen und aufnahmefähig für Erfreuliches. In jeder Lebenslage ist ein heiteres Ertragen der Widrigkeiten und sogar ein lustvolles Leben möglich, wenn die Misslichkeiten für leicht und unbedeutend gehalten werden, notfalls kontrafaktisch: Es hängt von der Verteilung der Gewichte im Denken ab, ob auf der Waage des Lebens Symmetrie hergestellt werden kann.
2. Die Grundlage von Heiterkeit ist die Erlangung von Selbstmächtigkeit
Heiterkeit ist die Haltung der Gelassenheit, im Sprachgebrauch gelegentlich zusammengezogen zum Ausdruck der "gelassenen Heiterkeit", was aber, folgt man dem Stoiker Seneca, zweimal dasselbe sagt. Seneca gibt dem Begriff der Heiterkeit im 1. Jahrhundert n. Chr. eine stoische Prägung. Die griechische euthymía übersetzt er mit tranquillitas und widmet ihr seine Schrift "Über die Seelenruhe" (De tranquillitate animi), die von der Ungetrübtheit und Ausgeglichenheit der Seele handelt, nicht zu verwechseln mit Untätigkeit und Quietismus. Grundlage der Heiterkeit ist die Festgefügtheit der Seele, die "mitten im Sturm" die Balance zu halten vermag und frei ist von ängstlicher Sorge, frei noch von Angst vor der Angst.
Die Selbstmächtigkeit, die sich vor allem in der Fähigkeit zum Lassen angesichts all dessen, was "nicht in meiner Macht ist", beweist, macht das Selbst stark genug, um auch schwach sein zu können. Mit kluger Sorge bemüht sie sich um eine Festgefügtheit des Selbst, die keinen Einschluss des Selbst in sich, sondern grösstmögliche Offenheit gegenüber Anderen und Anderem bedeutet. Dies aber kann nur erreicht werden - Seneca beschreibt den Weg recht präzise -, wenn man sich zunächst über sich selbst klarer wird, sich Rechenschaft ablegt über die Eigenheiten, die man mitbringt und füglich zu beachten hat, um nicht Unangemessenes von sich selbst zu erwarten. Um das Verhältnis zu sich selbst zu stärken, bedarf das Selbst zudem der Freunde, "deren Heiterkeit Schwermut zerstreut und deren Anblick allein schon erfreut", ein Anblick, der gewiss nicht nur auf äusserlicher Schönheit beruht.
Wichtig ist des weiteren, nicht an irgendwelchen Besitz sein Herz zu hängen, denn um Besitz muss man sich kümmern, um ihn muss man fürchten, unentwegt ist man mit ihm beschäftigt und auf diese Weise von ihm besessen, während es doch darauf ankommt, sich selbst zu besitzen. Die ganze Lebensweise sollte maßvoll eingerichtet sein, denn dieses, wie man es nennen könnte, "schlanke Leben", bietet weniger Angriffsflächen für Attacken des Schicksals; "viele Stürme fallen nur über diejenigen her, die ihre Segel zu weit ausspannen". Das selbstmächtige Selbst ist auf alles vorbereitet und hegt keine Illusionen über ein "Leben in zarter Unberührtheit". Keine Angst vor dem Tod sollte es haben; dazu dient es, sich zu sagen, dass der Tod eigentlich bereits mit der Zeugung beschlossene Sache war, eine Bedingung des Lebens, geradezu die Lebensformel.
3. Heiterkeit ist nicht Fröhlichkeit, sondern Ausdruck des erfüllten
Lebens
Für die Erneuerung des Begriffs der Heiterkeit aber ist vor allem eines festzuhalten: Heiterkeit ist nicht Fröhlichkeit, auch wenn diese zuweilen ihre Ausdrucksform ist. Penetrante Fröhlichkeit verfehlt die Heiterkeit sogar völlig: Sie ist töricht, insofern sie ohne zureichenden Grund ist. Fröhlichkeit (griech. hilarótes, lat. hilaritas) ist nur ein Affekt, in welchem die Heiterkeit als Haltung sich gelegentlich äussert, ein kleiner Exzess, ein Übermut, ein Jauchzen und Frohlocken, über die Gelassenheit hinaus eine Ausgelassenheit, die das Pendel der Heiterkeit nach dieser Seite hin ausschlagen lässt. Dann und wann mag es willkommen sein, in solcher Exaltation den Kopf zu verlieren, aber nur vor dem Hintergrund der Erfahrung der Abgründigkeit der Existenz, die es auszubalancieren gilt, um Symmetrie im Leben zu erreichen. Auch auf diese Weise wird das symmetrische Leben hergestellt: indem die Polarität des Lebens bekräftigt wird.
Die Fröhlichkeit ist also nicht etwa verwerflich, sie kann vielmehr als Bestandteil des symmetrischen Lebens betrachtet werden. Dies gilt auch für jenen Aspekt der Heiterkeit, der als Angeheitertsein Eingang in die Sprache gefunden hat und dem sogar Philosophen Tribut zollen, wenn sie die Techniken zur Erlangung der Heiterkeit beschreiben: "Man muss dem Geist Erholung einräumen und ihm immer wieder Muße gönnen, die ihm zur Nahrung und Kräftigung dient. Auch soll man sich auf ungedeckten Promenaden ergehen, damit der Geist unter freiem Firmament und an frischer Luft sich belebe und erhebe. Gelegentlich werden ein Ausritt, eine Reise und ein Aufenthalt in einer anderen Gegend neue Kraft geben, geselliges Zusammensein und ein recht ungezwungener Umtrunk. Manchmal soll man's auch fast bis zu einem Rausch kommen lassen, aber nicht so, dass er uns ertränke, sondern nur eintauche." Seneca wahrt hier nur die stoische Tradition: Schon der stoische Ahnherr Chrysippos soll sich jeden Tag einen Schwips gegönnt haben. Allerdings soll man, mahnt Seneca, es "nicht oft so halten, auf dass nicht der Geist eine üble Gewohnheit sich zulege".
Heiterkeit kann mit Humor und Lachen einhergehen, muss aber nicht. Etwas kann, wie man so sagt, für Erheiterung sorgen, indem es gewollt oder ungewollt komisch ist. Der Heiterkeit entspricht jedoch eher das Lächeln, nicht so sehr das Lachen. Das Lächeln ist vielleicht kaum wahrnehmbar, wahrnehmbar ist lediglich das nicht umwölkte Gesicht, das seit jeher als Ausdruck der Heiterkeit gilt. Mit seinem Lächeln stellt das Subjekt eine Souveränität unter Beweis, die es beim Lachen oder Weinen kaum aufrecht zu erhalten vermag.
Entscheidend für die Heiterkeit ist das Bewusstsein der Abgründigkeit. Das lächelnde Antlitz vermag sich auch angesichts eines Abgrunds an Traurigkeit zu zeigen. Traurigkeit ist der Kontrastbegriff zur Fröhlichkeit, nicht jedoch zur Heiterkeit, denn deren Subjekt weiss, dass die Abgründigkeit des Lebens nicht einzuebnen ist. Konsequenterweise steht die Heiterkeit der Melancholie nicht fern, jedenfalls steht sie ihr nicht entgegen, dass sie deren abgründige Erfahrung nicht bezweifelt, nur andere Konsequenzen daraus zieht: Anders als das melancholische Selbst vertraut das heitere Subjekt auf die Erfahrung der Geborgenheit in aller Abgründigkeit. Im äussersten Fall ist die Heiterkeit geradezu der Genuss der Abgründigkeit der Existenz; das Subjekt bewahrt dabei die Kräfte, die Andere beim Versuch zur Leugnung oder Einebnung des Abgrunds vergeuden.
Sollte die Heiterkeit letztlich nichts anderes als ein Form von Glückseligkeit sein, so ist diese nicht mit dem modernen Begriff des "Glücks" zu verwechseln. Die Heiterkeit realisiert sich vielmehr in einem erfüllten Leben, erfüllt von der Fülle des Lebens in seiner ganzen Spannweite, seiner Gegensätzlichkeit und Widersprüchlichkeit, die sich in einem an Erfahrung reichen, weiten Selbst findet und die Symmetrie seines Lebens ausmacht. Der Heitere übt sich in der gedanklichen Befreiung von der Erdenschwere, um aufs Neue und auf leichte Weise die Schwere zu tragen, deren Präsenz nicht zu ignorieren ist. Die Erfahrung der Fülle des Lebens vermittelt ihm Trost, Getröstetsein aber ist das grundlegende Charakteristikum der Heiterkeit.
Damit ist kein "gelingendes Leben" gemeint - es kann sich ebenso um ein Scheitern handeln, das zur Abgründigkeit des Lebens gehört. Dass der heitere Mensch kein Gelingen im Leben anstreben sollte, um nicht getroffen zu werden vom "Schmerz über eine nicht gestillte Sehnsucht", lässt sich von Plutarch lernen, der im 1./2. Jahrhundert n. Chr. unter seinen etwa 80 Abhandlungen ("Moralia") eine der Heiterkeit widmete. Heiterkeit heisst für ihn: Ein Leben ohne Reue zu führen, denn die Reue wäre schlimmer als aller Kummer über das Schicksal, das nicht in unserer Macht steht. Es ist die Reue, die mit ihren Stichen gleichsam der Seele Blut abzapft. Heiterkeit erwächst mit der Realisierung des Schönen, das keine Reue nach sich zieht, womit, wenn man es zu übersetzen versucht, nichts anderes als das uneingeschränkt Bejahenswerte gemeint ist. So erst wird das ganze Leben zum Fest.
4. Die Abwesenheit von Heiterkeit resultiert aus dem Vergessen der Abgründigkeit
Der Begriff der Heiterkeit erlebte in der abendländischen Geschichte jedoch eine schicksalhafte Wendung, eine Verschiebung zur Fröhlichkeit. Dies geschah im Verlauf seiner Neuinterpretation durch die christlichen Kirchenväter. Worte und Gedankengänge aus Plutarchs Schrift "Über die Heiterkeit" finden sich im 4. Jahrhundert n. Chr. beispielsweise in der Predigt "Über die Danksagung" des Basilius wieder, aber mit veränderter Ausrichtung: Der Glaube an die Überwindung des Todes, für den Christus steht, das Verschmelzen der Seele mit Gott sorgt für die Heiterkeit der Herzen, die der überschwenglichen Freude näher steht als dem philosophischen Begriff.
Parallel dazu entwickelt sich die christliche Gegnerschaft, ja Todfeindschaft gegen die Melancholie, die deutlich macht, dass für die fröhliche Heiterkeit der Christen nicht etwa eine Anerkennung der Abgründigkeit grundlegend ist; alles "Negative" soll vielmehr aus der Welt geschafft werden. Diese Grundhaltung wird mit der "Moderne" im 18./19. Jahrhundert zu einem weltlichen Projekt, die säkularisierte christliche Fröhlichkeit wird zum weltlichen Evangelium und gewinnt bald die Gestalt des optimistischen Fortschrittsglaubens. Aus dieser Quelle speist sich der Optimismus, der die Moderne charakterisiert und aus dem heraus sie zu leben vermag. Die optimistische Moderne bedarf der abgründigen Heiterkeit nicht, dass sie auf die aufklärerischen Kräfte des "Positiven" und treibenden Kräfte des gesetzmäßigen Fortschritts mithilfe von Wissenschaft und Technik vertraut. Sowohl die klassische wie auch die romantische Heiterkeit stellen sich, nach anfänglichem Zögern, diesem oberflächlichen Optimismus entgegen. Frühromantiker wie Novalis versuchen, ganz im Sinne des symmetrischen Lebens, die heiteren wie die dunklen Seiten des Lebens zu einem neuen, romanhaften Leben als Kunstwerk zusammenzuspannen. Vergebens.
Auch die beiden Denker des 19. Jahrhunderts, die im Optimismus ein Verhängnis sehen, kommen gegen dessen Eigendynamik nicht an: Schopenhauer entwirft in seinen "Aphorismen zur Lebensweisheit" eine Heiterkeit, die sich im Sein des Menschen, der sich nicht über sein Haben definiert, verwirklicht. Nietzsche, dessen "Geburt der Tragödie" von 1872 unentwegt auf die antike Form der Heiterkeit verweist (die Schrift sollte ursprünglich "Griechische Heiterkeit" heissen), will die Heiterkeit davor retten, nur noch als apollinische, ihrer Abgründigkeit entkleidete Scheinwelt begriffen zu werden. Er stellt ihr eine dionysische, Tragik, Schmerz und Leid nicht leugnende Heiterkeit gegenüber, deren Erneuerung er in der Folgezeit für unabdingbar hält, denn "nur durch Heiterkeit geht der Weg zur Erlösung".
Zwei überaus modernekritische Denker des 20. Jahrhunderts wiederum folgen, ohne es zu ahnen, der christlichen und modernen Uminterpretation der Heiterkeit zur Fröhlichkeit, ein perfekter Ausdruck des Zeitgeistes, dem gerade diese beiden Denker doch so fern zu stehen meinten: Für Heidegger ist Heiterkeit nur eine "Stimmung", ein Affekt wie auch Hoffnung, Freude, Begeisterung. Adorno will die Heiterkeit nach dem Geschehen des Holocaust ästhetisch nicht mehr dulden und lässt damit ausser Acht, welche Bedeutung die abgründige Heiterkeit selbst für die Insassen von Konzentrationslagern noch haben konnte, denen, nach einem Bericht von Viktor Frankl (. . . trotzdem Ja zum Leben sagen, 1977), alles genommen werden konnte, nur nicht "die letzte menschliche Freiheit, sich zu den gegebenen Verhältnissen so oder so einzustellen". Frankl spricht ausdrücklich, unter der Rubrik "Lagerhumor", von der "Möglichkeit einer Einstellung im Sinne von Lebenskunst, auch mitten im Lagerleben", in dieser scheinbar absoluten Zwangslage, angesichts des Abgrunds.
5. Die Wiederkehr der Heiterkeit trägt zu einer anderen Moderne bei
Es ist aber eine phänomenale Erfahrung, dass sich die Heiterkeit gerade in der Konfrontation mit der Abgründigkeit der Existenz einstellt. Gerade dann, wenn das Leben schwer wird, ist die Heiterkeit als Erleichterung zu entdecken, die sich dadurch auszeichnet, die zugrunde liegende Tragik nicht zu leugnen. Gerade dort, wo es ein Bewusstsein für die Unaufhebbarkeit der Abgründigkeit gibt und nicht der Glaube an den Fortschritt bis hin zu dereinst herrschenden paradiesischen Zuständen vorherrscht, kann die Heiterkeit sich entfalten. Wenn die Heiterkeit in der Moderne wirklich "ins Exil" musste, dann zweifellos aufgrund des modernen Mangels an tragischem Bewusstsein. Dass die Moderne der Versuch war, den fröhlichen Optimismus allein zur legitimen Haltung zu erklären, kommt noch im verzweifelten Positivdenken am Ende des 20. Jahrhunderts unverfälscht zum Ausdruck. Dass dieser Optimismus töricht ist, zeichnet sich immer deutlicher ab.
Heiterkeit als Ausdruck von Selbstmächtigkeit repräsentiert eine Form von autonomer Macht, die das gerade Gegenteil zu jener heteronomen Macht darstellt, die es sich angelegen sein lässt, die allgemeine Fröhlichkeit zu simulieren. Wenn Heiterkeit keine Angelegenheit der Moderne ist, so fügt ihre Wiederkehr sich in die Konstellation einer anderen Moderne, die wesentliche Errungenschaften der Moderne bewahrt, vor allem das Bemühen um Veränderung und Verbesserung mit dem Ziel der Realisierung von Menschenwürde, ohne jedoch allzu optimistische Illusionen damit zu verbinden; die ferner die Moderne dort modifiziert, wo sie sich als nicht lebbar erwiesen hat, Modifikation vor allem der Kultur der Zeit, um Errungenschaften einer anderen Kultur wieder zu entdecken. Die moderne Kultur der Zeit, die die Zeit auf eine fortgesetzte Augenblicklichkeit reduziert, musste zwangsläufig die Heiterkeit aus den Augen verlieren. Heiterkeit entfaltet sich in einer umfassenderen Zeitdimension als der bloßen Gegenwart, und sie hält das Bewusstsein dafür wach, dass der gesamte Ernst der menschlichen Existenz letztlich an ihrer kosmischen Nichtigkeit zerbricht.
Man kann die erneuerte Heiterkeit als heitere Skepsis des Selbst beschreiben, das sich darum bemüht, Distanz zu den Dingen und zu sich selbst zu bewahren, skeptisch gegen die Möglichkeit von Gewissheit, ohne unter der Ungewissheit übermäßig zu leiden. Sie ist Ausdruck einer aufgeklärten Aufklärung, zweifelnd an der Abschliessbarkeit des Wissens, ohne auf die Arbeit des Wissens zu verzichten, die schon seit Demokrit zu den Quellen der Heiterkeit gehört, dasssie Zusammenhänge klarer macht und erklärt. Wissend aber vor allem um die grundlegende Widerspruchsstruktur, die verhindert, dass Dinge nur gut, nur böse, nur schön, nur hässlich sind. Verschwistert ist die Heiterkeit mit der Ironie, nicht jedoch mit dem Spott; sie ist eine verhaltene Angelegenheit, eine zurückhaltende Haltung, kein Gelächter, sondern ein ernstes, ernsthaftes Projekt, ein philosophisches Konzept. Die zugehörige existentielle Praxis aber, daran kommen wir bei aller Arbeit am Begriff nicht vorbei, bleibt dem jeweiligen Subjekt selbst überlassen.
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Der Autor, geb. 1953, lebt in Berlin und lehrt Philosophie in Erfurt, Riga und Tiflis. Bereits in 7. Auflage erscheint sein 1998 publiziertes Buch: "Philosophie der Lebenskunst - Eine Grundlegung" (Suhrkamp Taschenbuch).